Petra Hammesfahr - Der stille Herr Genardy

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===Buchdaten===
Autor: Petra Hammesfahr
Titel: Der stille Herr Genardy
Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: 1995
ISBN-13: 978-3404171293
Seiten: 333
Einband: TB
Kosten: gebraucht ab 0,01€
Serie: -

===Autor/in===
Petra Hammesfahr, 1951 geboren, lernte Einzelhandelskauffrau und ist nun Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Sie erhielt 2000 in Hessen den Frauen Krimi Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden.

***Weitere Werke***
  • Die Mutter
  • Die Sünderin
  • Merkels Tochter

===Zitierter Klappentext===
Er ist ein so netter und hilfsbereiter Mensch, der Herr Genardy. Kinderlieb ist er auch und bereit, hundert Mark mehr im Monat zu bezahlen als seine Vormieterin. Und wenn man mit jeder Mark rechnen muß wie Sigrid, alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter, wer würde da nicht sofort zugreifen? Und versuchen, das Gefühl von Unbehagen zu ignorieren, die Alpträume und Visionen, für die es keine Erklärung gibt? Irgend etwas stimmt nicht mit diesem Herrn Genardy. Und Sigrid hat Angst. Angst um ihr Kind.

===Meine Meinung===
Petra Hammesfahr ist eine bekannte Autorin, die so manchen spannenden Thriller oder Krimi geschrieben. Mit dem vorliegenden Werk befasst sie sich mit einem heiklen Thema, das stets aktuell ist – Kindesmissbrauch. Kein Kind ist vor dieser Thematik wirklich sicher. Ich war gespannt, wie Petra Hammesfahr dies in einem Krimi authentisch umsetzen würde.

Herr Genardy ist kinderlieb, freundlich und hat ein düsteres Geheimnis. Seine Vorliebe gilt kleinen Kindern. Angefangen bei seiner Tochter, kann er den Trieb nicht unterdrücken und sucht sich regelmäßig kleine Kinder auf einem Spielplatz aus. Als er der Tochter von Hedwig begegnet, überkommt es ihn. Obwohl sie nicht seinem Altersschema entspricht wird er unvorsichtig und lässt sich gehen. Am Ende vergewaltigt und bringt das kleine Mädchen um. Eine falsche Spur ist schnell gelegt und so wird ein anderer Mann verhaftet. Herr Genardy taucht unter und kommt zufällig bei Hedwigs Arbeitskollegin Sigrid unter. Als Witwe muss sie einen Teil des Hauses vermieten und freut sich über das Extra-Geld von Herrn Genardy. Ihr Mann, selbst ein Kinderschänder, starb vor sechs Jahren und ließ sie mit der gemeinsamen Tochter zurück. Es dauert nicht lange und Sigrid überkommen bei Herrn Genardy die gleichen Gefühle, wie bei ihrem Mann. Sie ahnt, dass etwas mit ihm nicht stimmt und kommt seinem schrecklichen Geheimnis auf die Spur. Dabei gerät ihre Tochter, deren beste Freundin und ihre Nichte ins Kreuzfeuer.

Das Buch ist in drei Teile unterteilt, die jeweils rund 15 einzelne Kapitel haben. Im ersten Teil gelang es der Autorin mich gekonnt zu verwirren. Anfänglich erzählt sie zwei Geschichten parallel aus Sichtweise der jeweiligen Person. Leider vergisst die Autorin dies zu erwähnen oder zumindest deutlich darzustellen. Am Anfang hatte ich das Gefühl Gegenwart und Vergangenheit ein und derselben Person zu lesen. Erst als von einer Hochzeit die Rede war, wurde ich stutzig.In diesem Teil lernt der Leser Herrn Genardy und seine perverse Vorliebe für kleine Kinder kennen. Man erfährt seine grobe Vergangenheit der letzten Jahre und kann hautnah erleben, wie er sich gerade an ein unschuldiges Kind heran macht. Nebenbei lernte ich Sigrid und ihre Versionen kennen. Nach und nach verbinden sich diese Geschichten und der Leser erwartet eine Verbindung, die es so nicht geben wird. Petra Hammesfahr wäre keine gute Autorin würde sie nicht eine brisante Wendung einbauen.
Ab dem zweiten Teil verknüpft die Autorin geschickt beide Perspektiven und Schauplätze, sodass man nur noch einer Geschichte folgen muss. Diese wird aus Sichtweise von Sigrid geschildert.

Eigentlich finde ich die Umsetzung und die Ansätze zwar pervers, aber authentisch. Ich konnte mich ohne Probleme sowohl in die abwegigen Gedankengänge von Herrn Genardy hineinversetzen, als auch die Ängste von Sigrid begreifen. Ihre Angst steht für das, was viele Mütter fühlen. Dadurch das sie selbst mit einem solchen Mann verheiratet war, ist die Angst für sie noch präsenter und kann noch lebendiger dargestellt werden. Petra Hammesfahr schildert detailliert, ehrlich und schockierend, wie schnell ein Kind in die Fänge eines Kinderschänders gelangen kann und das selbst eine ausreichende Aufklärung kein Kind wirklich schützen kann. Als Leser bekommt man regelrecht Gänsehaut, wenn man hört, wie ein solcher Kinderschänder denkt. Sie versucht nichts zu beschönigen oder zu verharmlosen. Gekonnt baut sie sogar die Emotionen einer Mutter ein, die ihr Kind durch die Hand eines solchen Kinderschänders verloren hat. Angst, Vorwürfe und die unsagbare Trauer, das Kind nicht beschützt zu haben werden realistisch an den Leser vermittelt.

Wenn es um die Realität geht, hat mich Petra Hammesfahr gänzlich überzeugen können. Allerdings empfand ich die Passagen, die sich mit dem Zukunftsträumen befassten, einfach nur unpassend. Ich will nicht abstreiten, dass es bestimmte Dinge gibt. Auch das sich bestimmte Träume erfüllen, kann vorkommen. In meinen Augen passt ein solcher Hauch jedoch nicht in dieses ernste Thema. Es wird dadurch eher ins Lächerliche gezogen. Nicht nur ihre Visionen vom Tod, sondern auch die Träume, wer der Mörder ist wirkten deplatziert. In jedem anderen Krimi hätte mich dies nicht gestört. Ein Medium ist in der heutigen Zeit nicht unbedingt was neues. Bei einem heiklen Thema wie Kindesmissbrauch finde ich es aber störend und unpassend. Auch ohne diesen Einbau hätte Petra Hammesfahr genügend Spannung aufbauen können, um jeden Leser zu fesseln. Schließlich möchte man wissen, ob Herr Genardy gefasst wird, an wie wie vielen Kindern er sich vorher noch vergreift, wie viele Kinder er schon missbraucht hat und wie es sich aufklärt. Für mich ist das schon spannend genug.

Wer selbst ein Kind hat, wird dieser Geschichte noch mit ganz anderen Augen folgen und sich sicherlich öfters die Frage stellen, wie man selbst reagiert hätte. Für die Spannung sicher dienlich, wird vieles verschwiegen und erst im letzten Augenblick, als es schon fast zu spät ist, aufgeklärt. Das sorgt für einen spannenden Schluss, der meines Erachtens in Lichtgeschwindigkeit herbeigeführt wird. Im Vergleich zum Anfang und Mittelteil ist der Schluss wie ein Zeitraffer.
Ich persönlich, habe mich allerdings immer wieder gefragt, warum eine Mutter so handelt. Wenn ich diese Fakten herausgefunden hätte, ich hätte sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt und hätte zumindest meine Tochter aufgeklärt. Jeder weiß, wie naiv Kinder in diesem Alter sind. Vor Fremden sind sie noch distanziert, aber einem Bekannten vertrauen sie. Selbst wenn man seinem Kind nicht die ganze Wahrheit sagen kann, um die Kinderseele nicht zu sehr zu belasten, kann man ein Kind nicht in einer solchen Dunkelheit herum tappen lassen. Auch wenn die Mutter einem nicht glaubt, so kann man sein Kind nicht mit Unwissenheit schützen. Am Ende des Buches war ich der Überzeugung, dass man das Mädchen, aber auch jedes andere Mädchen mit genügend Aufklärung hätte schützen können. Damit meine ich nicht nur Aufklärung gegenüber Fremden, sondern auch Nachbarn und Verwandten.

Im Großen und Ganzen ist Petra Hammesfahr ein Werk gelungen, welches Spannend, tiefgründig und realistisch ist. Durchgehend ist ein roter Faden vorhanden und der Stil lässt sich flüssig lesen. Der Hauch vom übersinnlichen kann überlesen werden, wenn er als störend empfunden wir, schadet der eigentlichen Thematik aber nur theoretisch. Es wirkt bei dem ernsten Thema deplatziert, aber nimmt der Kindesmisshandlung nicht die Authentizität. Meines Erachtens spürt man an jeder Stelle, dass sich die Autorin mit der brutalen Wahrheit eines Kinderschänders und dessen Opfer befasst hat. Stellenweise ist es hart, pervers, aber immer authentisch.

===Bewertung===
Ein trauriges, aber alltägliches Thema, welches mit einem Hauch Übersinnlichkeit trotzdem erschreckend realistisch dargestellt wird. Starke Nerven sind nötig, damit man die Grausamkeit verarbeiten kann. Erst nach dem Showdown kommt der Leser zum Nachdenken. Und nachdenken wird jeder. Für mich wegen der Visionen und dem rasanten Schluss nur drei Sterne.

===Leseprobe===
Eine genehmigte Leseprobe habe ich leider nicht gefunden und Bastei Lübbe erteilt bei so alten Büchern keine Genehmigung. Aus diesem Grund verzichte ich auf eine Leseprobe. Allerdings gibt es unter dem nachfolgenden Link einige kurze Passagen zum Reinlesen: http://www.ciao.de/Der_stille_Herr_Genardy_Hammesfahr_Petra__Test_2924785


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