Nabokov, Vladimir: Lolita

==Pädophilie – Zwischen Sünde und wahrer Liebe==




"Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta.“...„Meine Damen und Herren Geschworene, Beweisstück Nummer eins ist, was die Seraphim neideten, die schlecht unterrichteten, naiven, edelbeschwingten Seraphim. Ergötzen Sie sich an diesem Dorngestrüpp“(Zitat S. 12)


Diese beiden Zitate stammen von der ersten Seite eines Weltklassikers, der seinesgleichen sucht. Als mir dieser Klassiker geschenkt wurde, den ich nur von seiner Verfilmung her kannte, war es für mich nur eine Frage der Zeit, bis er von meinem Stapel ungelesener Bücher endlich ins Regal der gelesenen Werke wandern würde. Nachdem dies nun der Fall ist, möchte ich euch „Lolita“ nicht vorenthalten.
===Zitierte Kurzbeschreibung von Amazon===
Der Roman schildert die unselige Leidenschaft des 1910 in Frankreich geborenen Literaturwissenschaftlers und Privatlehrers Humbert Humbert zu der kindhaften und gleichzeitig frühreifen 12-jährigen Dolores (Lolita) Haze. Humbert Humbert ist Mädchen zwischen neun und vierzehn Jahren verfallen; deren vollkommene Inkarnation findet er in Lolita. Um in ihrer Nähe bleiben zu können, heiratet er ihre Mutter, die Witwe Charlotte Haze; er verursacht indirekt deren Tod und beginnt mit Lolita – aus Furcht vor Entdeckung seiner verbotenen Leidenschaft – ein unstetes Reiseleben durch die USA. Humbert Humbert stellt bald fest, dass sie verfolgt werden, und eines Tages ist Lolita, offenbar mit dem Verfolger im Bunde, verschwunden. Als er sie nach Jahren wiedersieht – verheiratet, schwanger und in ärmlichen Verhältnissen lebend –, weigert sie sich, zu ihm zurückzukehren, doch gelingt es ihm, den Namen des damaligen Nebenbuhlers zu erfahren.

===Meine Meinung===
Lolita“, dieser Titel ist jung und alt ein Begriff. Verfilmt und auch als Buch ein Welterfolg, gibt es kaum jemanden, der mit diesem Titel nicht „Pädophilie“ verbindet.

Der Leser wird in die Welt von Humbert Humbert entführt, der seine Geschichte aus dem Gefängnis für die Nachwelt festhält. Der Ich-Erzähler, der seine Leser mit „Sie“ anspricht, wurde 1910 geboren und hatte alles, was man sich als Kind wohlsituierter Eltern wünschen konnte. Im Alter von 13 Jahren lernt er auf einer Reise die gleichaltrige Annabel kennen und lieben. Doch immer wieder wird ihre Leidenschaft gestört. Letzten Ende hindert sie der Tod von Annabel daran ihrer Lust freien Lauf zu lassen. Seit dieser Zeit ist Humbert von ähnlichen Mädchen besessen. Von Kleinmädchenparks über den Kinderstrich ist es nur allzu verständlich, dass er sich nach seinem psychischen Zusammen in die 12jährige Lolita verliebt, die er auf der Suche nach einer Bleibe zur Entspannung kennenlernt. Ihretwegen zieht er zu ihrer Mutter Charlotte Haze und heiratet sie sogar, um Lolita nahe zu sein. Als ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben kommt, gehört die kleine Nymphe nur noch ihm. Doch das Verhältnis zu seiner Lolita fordert seinen Verstand.

Wer eine der beiden Verfilmungen gesehen hat, wird beim Lesen des Buches überrascht sein. Obwohl die Thematik brisant, tiefgründig und schockierend ist, würde man einen leichten Roman erwarten. Das ist jedoch keineswegs der Fall. Schon die ersten Sätze zeigen, dass der Autor versteht mit Worten umzugehen. Verschachtelte Sätze und zahlreiche Fremdworte erschweren den Lesefluss ungemein. Gerade am Anfang musste ich, da ich französisch nicht als Fremdsprache beherrsche, viele Sätze via Internet übersetzen lassen, da der Autor französische Sätze nicht übersetzt, sondern so im Raum stehen lässt. Zudem wirken die verschachtelten Sätze nicht nur alt, sondern man muss sie teilweise mehrfach lesen, um den eigentlichen Sinn zu begreifen. Man muss sich stark konzentrieren und kann das Buch nicht zwischendurch lesen. Selbst nach 100 Seiten hat man sich nicht wirklich an diesen Stil gewöhnt. Dies hat jedoch den Vorteil, dass man viel intensiver liest. Zudem ist es eine Freude diese Wortkunst zu lesen, denn kaum ein Autor beherrscht die Welt der Worte noch imposant. Das Besondere an diesen Werk ist, wie Nabokov die sexuelle Beziehung, die Gelüste und Wünsche von Humbert schildert. In zarten, und doch sofort verständlichen, bildhaften und schockierenden Worten umschreibt er diese Szenen. Auch sonst gelingt es dem Autor seine Schauplätze, Figuren und Handlungen lebendig und realistisch zu beschreiben, sodass das Kopfkino ein Selbstgänger ist. Er verwendet nur Details, die für den weiteren Verlauf relevant sind. Stellenweise wirken sie langatmig, aber immer wieder wird der Leser erkennen, dass dies nur so scheint, und diese Ausführlichkeit für ein weiteres Verständnis wichtig ist.

Die Thematik „Pädophilie“ ist schon immer ein heikles Thema gewesen, wie man an diesem Werk erkennt, denn es wurde schon 1955 veröffentlicht. Nabokov muss sich lange mit diesem Gebiet beschäftigt haben, das merkt der Leser an dem ausführlichen Gedankengut, mit dem er Humbert ausstattet. Er beschreibt authentisch und schockierend die Gefühlswelt eines Pädophilen, sodass es dem Leser kalt den Rücken hinunterläuft. Das erschreckende an seiner Beschreibung ist, dass man sogar stellenweise Mitleid mit dem im Grunde abscheulichen Protagonisten bekommt. Genauso authentisch wie Humbert dargestellt wird, bekommt der Leser auch Lolita geschildert, die ihrer Kindheit beraubt wurde, aber auf der anderen Seite diese Gefühle genoss.

Genau diese Situation wird den Leser zum Nachdenken veranlassen. Es wirft Fragen auf, wie zum Beispiel „Wie kann ein Mann nur solche Neigungen haben“, „Wie kann ein Mädchen jahrelang so etwas mitmachen“, aber vor allen Dingen fragt man sich „Wie kann ein Autor so detailliert die Fantasien eines Pädophilen beschreiben“. Doch nicht nur die Ansichten eines Pädophilen spielen in diesem Buch eine große Rolle. Es geht auch darum, inwieweit eine 12jährige Recht und Unrecht unterscheiden kann. Aber auch der Hintergrund dieser Geschichte spielt eine tragende Rolle. Es zeigt ein gelungenes Bild des ach so konservativen Amerikas, hinter dessen Fassade es schon immer brodelte. Umso faszinierender ist die Tatsache, dass diese Geschichte anfänglich in den USA keinen Verlag fand, weil der Inhalt einfach zu heikel war. Erst nach seinem einschlägigen Erfolg in Europa, wurde dieses Werk auch in den USA zu einem anerkannten Bestseller und inzwischen Klassiker.

In meinen Augen ist Nabokov ein echter Klassiker gelungen, der auch nach über 50 Jahren nichts an seiner Ernsthaftigkeit und Aktualität verloren hat. Nach wie vor gelingt es dem Autor erschreckende Bilder entstehen zu lassen, ohne dabei ins Perverse zu gehen. Trotz der verschachtelten Sprache, die das Lesen deutlich erschwert, ist sie trotzdem ein wahrer Genuss, denn kaum ein heutiger Autor vermag so mit Worten umzugehen.

===Bewertung===
Lolita“ ist ein Klassiker, der seinesgleichen sucht. Ein brillanter Umgang mit Worten gepaart mit einem so wichtigen Thema und solch einer Umsetzung verdient in meinen Augen fünf Sterne.

Pro: wortgewandter Stil, Umsetzung
Contra: verschachtelte Sätze
Empfehlung: ja



Autor: Nabokov, Vladimir, Titel: Lolita, Originaltitel: Lolita. Verlag: Rowohlt
Erschienen: 1964, ASIN: B0000BLW9V, Seiten: 446

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