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Ein ungezähmtes Leben / Jeannette Walls

Hallo lieber Leser, liebe Leserin.

Nachdem ich vom Arzt Ruhe verordnet bekommen habe und mich die Biographie von Jeannette Walls „Schloss aus Glas“ ohne Probleme über Stunden fesseln konnte, musste ich auch ihr zweites Werk lesen. Es handelt sich hierbei um eine Mischung aus Roman und Biographie, denn das Werk handelt von ihrer Großmutter Lily Casey, die schon recht früh verstorben ist. Aus diesem Grund konnten ihr nur Familienmitglieder, überlieferte Geschichten und einige Bücher bei ihrer Recherche helfen.


Auch dieses Buch habe ich von meiner Mutter geschenkt bekommen. Allerdings muss ich sagen, dass ich anfänglich doch skeptisch war. Zwar bestand durch dieses Buch die Möglichkeit das Handeln ihrer Mutter etwas besser verstehen zu können, doch fragte ich mich, ob das Leben ihrer Großmutter, die im vorherigen Teil nur selten erwähnt wird und als Lehrerin sicherlich nicht so interessant sein konnte, wirklich meine Aufmerksamkeit so auf sich ziehen könnte, wie die Geschichte von Jeannette selbst. Auch kam die Frage auf, warum die Autorin nicht die Geschichte ihrer Mutter hierfür wählte, war bis zum Schlusswort offen. Dort erklärt die Autorin jedoch, dass sie dies geplant hatte, jedoch ihre eigene Mutter sie um diese Geschichte bat, da sie das Leben ihrer Großmutter aufregender fand. Als Vorwort wäre dies sicherlich eine gelungene Einführung gewesen, aber zumindest wurde die Frage noch geklärt.

Doch überzeugt euch selbst vom Inhalt.

'''o0o Worum geht es o0o'''
Liliy wird 1901 geboren und wächst zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Schwester auf dem Lande auf. Während ihre Mutter die Arbeit scheut und wegen der heißen Sonne in Arizona nur wenig das Haus verlässt, ist ihr Vater, der als 3jähriger von einem Pferd ins Koma getreten wurde, nicht nur körperlich eingeschränkt, sondern kann sich auch nur noch schwer sprachlich ausdrücken. So muss Lily schon früh die Verantwortung für alles übernehmen. Sie füttert die Tiere, kümmert sich um die Geschwister und hilft dabei die Kutschpferde einzuarbeiten, denn damit verdienen sie ihren Unterhalt. Leicht ist es nicht, denn immer wieder kommt es zu Überschwemmungen oder Tornados, die all ihr Hab und Gut zerstören. Als es wieder einmal so weit ist und ihr Haus in Einzelteilen vor ihnen liegt, beschließen sie, wieder in ihre eigentliche Heimat zurückzugehen, wo ihr Vater jedoch vor Jahren fälschlicherweise des Mordes angeklagt wurde. Inzwischen sind die alten Geschichten jedoch vergessen, und so ziehen sie auf die alte Farm zurück. Auch hier ist es nicht leicht, doch Lily liebt dieses Leben. Neben all der Arbeit, kam das Lernen jedoch nie zu kurz, und so ist Lily froh, als sich ihr die Möglichkeit bietet ihr Wissen an einer echte Schule zu vertiefen. Ein Jahr lang blüht sie auf und die vorstehende Nonne, sieht sie sogar als Lehrerin, da sie vielen anderen Schülern hilft. Doch als ihr Vater das Schulgeld nicht bezahlt, muss sie wieder zurück. Enttäuscht vor allen Dingen durch die Tatsache, dass ihr Vater das Geld für Hunde ausgegeben hat, die später auch noch erschossen werden, verliert sie nie den Wunsch als Lehrerin zu arbeiten aus den Augen.

Als sich ihr bedingt durch den Krieg die Möglichkeit bietet, auch ohne Schulabschluss und Studium, die Prüfung zu absolvieren und in einer Zwergenschule zu unterrichten, lässt sie sich auf das Abenteuer ein. So zieht sie von Schule zu Schule und ist mehr als enttäuscht, als das Kriegsende ihr einen Strich durch die Rechnung macht. Zu Hause fühlt sie sich immer unwohler und so packt sie erneut ihre Sachen und geht nach Chicago. Wo sie die Abendschule besucht, arbeitet und sogar einen Mann kennenlernt, der sich jedoch als Bigamist herausstellt. Zum Glück hat sie ihren Schulabschluss geschafft und lässt sie sich nicht nur scheiden, sondern fängt an zu studieren. Doch nach einem Jahr wird sie wieder gefragt, ob sie für eine Stelle als Lehrerin pausieren möchte. Sie willigt ein, und fühlt sich an dieser Schule richtig wohl. Sie wird akzeptiert, wie sie ist. Zumindest bis ihre Schwester ihr gesteht, dass sie in Hollywood einen anderen Durchbruch hatte, als geplant. Schwanger kommt sie zu ihr und somit gerät ihre Lily ins Fadenkreuz der Dorfbewohner. Ihre Schwester erhängt sich und so entsteht bei Lily der Wunsch nach einer heilen Familie mit eigenen Kindern. Sie beschließt den älteren Jim zu heiraten, der schon lange ein Auge auf sie geworfen hat. Zusammen gehen sie in eine andere Stadt und fangen dort mit einer Autowerkstatt an ihr Leben aufzubauen. Doch Geldmangel zwingt sie in die Knie und so ergreifen sie die Chance eine Ranch zu bewirtschaften. Eine Entscheidung, die sie nie bereuen und als schönste Zeit betrachten. Leider hat jede schöne Zeit ein Ende und damit beginnt der Weg, der Jeannettes Mutter in eine Richtung führt, die nur diese Kindheit für Jeannette bereithalten konnte.

'''o0o Meine Meinung o0o'''
Kann das Leben einer Großmutter genügend erklären, damit der Leser nachvollziehen kann, warum Jeannette in einer solchen Umgebung aufwachsen musste? Kann das Leben ihrer Großmutter fesselnder sein, als das Leben aus Sicht ihrer Mutter? Durch „Schloss aus Glas“ war mein Bild von Lily Casey eher sehr blass. Eine starke Großmutter, die ihre Tochter stets unterstützte, zu früh starb und Jeannette sehr geliebt haben musste. Allerdings sah ich sie nur als Lehrerin und fragte mich schon, was daran so besonders sein sollte, um fast 400 Seiten zu füllen.

So simple, wie man es nach der ersten Biographie dachte, ist die Geschichte jedoch nicht gestrickt. Den Leser erwartet eine Mischung aus Roman und Biographie, die von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.

Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Lily. Sie ist eine Persönlichkeit, die eine Stärke und Selbstverständlichkeit ausstrahlt, dass man sie von Anfang an lieben muss. Schon als Kind muss sie hart arbeiten, und lernt früh, dass man immer wieder aufstehen muss, wenn man hinfällt. Schmerz, Verlust und Probleme machen die Persönlichkeit nur noch stärker. Kein noch so schlimmer Schicksalsschlag, kann sie wirklich aus der Bahn werfen. Sie packt an, versucht das Haus zu retten, während ihre Mutter betend herumsitzt. Sie wünschte sich, sie hätte in der Fabrik angefangen, statt als Dienstmädchen, denn dann hätte sie ihre beste Freundin vielleicht doch vor der haarfressenden Maschine retten können. Nicht mal als sie herausfindet, dass ihr Mann ein Doppelleben führt und schon drei Kinder hat, kann sie wirklich aus der Bahn werfen. Es ist eindrucksvoll und weckt beim Lesen den Wunsch, dass nur etwas von dieser Stärke auf einen abfärbt.

Während Lily und ihr späterer Mann beide sehr bodenständig sind, immer anpacken und sich für keine Arbeit zu schade sind. Sich sogar örtlich trennen, damit Lily mit ihrem Beruf als Lehrerin Ersparnisse sammeln kann, wird schnell deutlich, dass Rosemary schon immer von einem ganz anderen Schlag war. Sie tanzt nackt durch den Garten, würde am Liebsten alle Tiere befreien und obwohl sie intelligent ist, versteht sie nicht den Sinn des Lernens. Während ihre Mutter gerne zur Schule gegangen ist, ist es ihr nur verhasst. Lediglich die Aussicht auf ein Kunststudium kann sie später zu einer praktischen Lehramtausbildung bewegen. Trotzdem nimmt sie durch ihre Kindheit, die Wichtigkeit des Lernens mit und kann sie ihren Kindern stets vermitteln. Allerdings würde der Leser anfänglich nicht diese Wendung die Rosemarys Leben nimmt vorhersehen und hätte ich die Geschichte ihrer Tochter nicht gelesen, ich hätte es ebenfalls nicht geglaubt. Zwar verliebt sie sich schon als Teenager in eher ausgefallene Männer, wie einer indianischen Hilfskraft, aber das Leben auf der Farm ist ihr wichtig. So richtig aus der Bahn wird sie erst geworfen, als sie von dort weg müssen.

Der Leser lernt jedoch nicht die Entwicklung von Lily und Rosemary kennen, sondern bekommt Einblicke ins tatsächliche Leben auf einer Ranch, und wie schwer es viele Leute als Farmer in den unterschiedlichsten Regionen des Landes hatten. Dementsprechend wird die Geschichte nie langweilig. Manchmal fragt man sich jedoch, ob wirklich alles so passiert ist, einfach weil es manchmal zu viel für ein einziges Leben klingt. Doch das ist irgendwo nebensächlich, denn die Autorin sagt ja selbst, es ist eine Mischung aus Roman und Biographie. Das Buch lässt im Grunde keine Fragen offen, und erklärt so manches. Zudem sind die zahlreichen Fotos wirklich sehr anschaulich, sodass man von Lily, Rose und manchen Dingen sogar einen echten Eindruck bekommt.

Für mich war dieses Buch ein spannender Lesegenuss, der im Grunde nur einen Wunsch zulässt. Nein eigentlich sind es zwei. Und zwar würde mich nun einmal die Sichtweise ihrer Mutter bezüglich der Kindheit, aber auch ihrer Laufbahn von Hochzeit bis zum Tod ihres Mannes interessieren, aber eben auch die Kindheit von Rex. Damit würden noch weitere Perspektiven zu einem runden Bild beitragen. Aber auch so, war es schön am Leben dieser beiden Persönlichkeiten teilgenommen zu haben.

Wem also „Schloss aus Glas“ gefallen hat, und gerne etwas über eine weitere starke Frau erfahren möchte, die Jeannette im Grunde ihr Wesen vererbt hat, dann kann ich euch das Buch nur ans Herz legen.

'''o0o Noch ein paar allgemeine Daten, etwas zum Autoren, Klappentext o0o'''
Autor: Jeannette Walls
Titel: Ein ungezähmtes Leben
Originaltitel: Half Broke Horses
Erschienen: 18. Februar 2010
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN-10: 345540250X
ISBN-13: 978-3455402506
Seitenanzahl: 368
Preis: € 8,99
Genre: Biographischer Roman
Lesedauer: 1 Tag

Jeannette Walls (* 1960 in Phoenix, Arizona) lebt und arbeitet als Journalistin in New York City und Long Island. Sie schrieb Gesellschaftskolumnen für E! Channel und das New Yorker Magazin Intelligencer. Im Moment moderiert sie dreimal wöchentlich eine Live-Sendung im Morgenfernsehen bei MSNBC. Sie hatte eine sehr außergewöhnliche Kindheit, über die sie 2006 die Autobiographie Schloss aus Glas veröffentlichte, welche Jeannette Walls zu größerer Bekanntheit auch in Europa verhalf. (Quelle: Wikipedia)

'''o0o Zum Schluss zusammengefasst o0o'''

Pro: Stil, Bilder, Inhalt
Contra: Vorwort wurde als Nachwort eingesetzt
Empfehlung: Ja
Sterne: 5


~*~ Danke ~*~ fürs ~*~ Lesen ~*~ Kommentieren ~*~


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Kommentare

  1. Toller, umfangsreicher Bericht
    Jedoch fand ich das Buch ziemlich lahm. Kann evtl. daran liegen, dass es das diesjährige Abi Thema ist und gezwungen war mich durchzuquälen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Buchgeschmäcker sind ja zum Glück so verschieden, wie bei Mode, Musik oder Lebensmitteln.*lach* Ich hoffe dass es zumindest ein gutes Abi wird.

      Löschen
  2. Ich schließe mich da der Meinung von Anonym an, ich fand des Buch auch ziemlich lahm.
    Aber die Begründung ist die gleich, das Buch ist zumindest in Baden-Würtemberg auch 2016 noch Bestandteil des schriftlichen Abiturs in Englisch.
    Hab aber des Buch trotzdem auf deutsch gelesen :D
    Und danke für deinen tollen und ausführlichen Bericht :)

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