Fette Welt / Helmut Krausser

Hallo lieber Leser, liebe Leserin.

Als mein Mann und ich das letzte Mal auf Sylt waren, hatte unsere Ferienwohnung ein kleines Regal mit Büchern, die zum Tausch für die Urlauber bereit standen. Nachdem ich meine Bücher auf Grund des regnerischen Wetters komplett ausgelesen hatte, habe ich kurzer Hand getauscht und mir einige interessante und neue Werke dafür in den Koffer gepackt. Dieses Werk reizte mich nicht nur vom Titel, sondern auch vom Klappentext. Ja, sogar das wirre Cover machte mich neugierig, und so landete der schon etwas ältere Roman ebenfalls bei mir. Zu Hause war ich dann aber doch nicht mehr so interessiert und seitdem wartete das Buch darauf gelesen zu werden. Auf Grund der Dicke landete es im Juni in meiner Krankenhaustasche und wurde nach der Geburt in den wachen Stunden gelesen. Auch dieses Werk hat mich sehr beschäftigt, sodass ich lange für diese Rezension benötigt habe.


WORUM GEHT ES IM BUCH?
Hagen ist das, was viele Leute als gescheiterten Mann bezeichnen würden. Er spielt, trinkt, lebt mehr oder weniger auf der Straße und versucht jeden Tag aufs Neue zu meistern. Er beobachtet Menschen, kennt sich in der Münchner Innenstadt aus, hat ein Geheimversteck für Rasierzeug und ein gutes Hemd. Mit Sicherheit könnte er anders leben, zurück in eine Wohnung mit Heizung und fließend Wasser, doch inzwischen liebt er den Dreck. Eine Tatsache, die ihn alle Freundschaften kostet, denn nicht mal sein bester Freund möchte ihm noch Geld leihen, seinen Dosenfraß essen oder ihm zum 10.Mal das gleiche Buch abkaufen. Sein Leben ändert sich, als er Judith 16 und ihrerseits Ausreisserin aus Berlin kennenlernt. Er bringt ihr das Leben auf der Straße bei und geht eigentlich davon aus, dass sie bald Heimweh bekommt. Doch sie bleibt und so entwickelt sich eine kleine, zarte Liebe, die endet als sie von der Polizei nach Hause gebracht wird. Für Hagen ein Schock und er nimmt kurzer Hand einen Job als Leichentransporteur an, um Judith in Berlin zu überraschen. Doch wie findet man ein Mädchen in einer solchen Stadt, von der man nur den Vornamen kennt.
Zusätzlich zu Hagen und Judith, übernimmt auch Herodes eine Rolle in dieser fetten Welt. Er tötet kleine, unschuldige Babys in ihrem Kinderwagen.

MEINE LESEEINDRÜCKE
„Fette Welt“ ist ein Roman, der nicht nur verfilmt wurde, sondern den Leser in eine Welt zieht, die jenseits von Gut und Böse ist. Bei dem Werk handelt es sich definitiv um meinen ersten Krausser und vorab sei gesagt, wer dieses Buch liest ist keine Jungfrau mehr, und verdorben bis in die Haarwurzel.

Der Einstieg in die Geschichte ist alles andere als gewöhnlich, denn statt eines gewöhnlichen Romans erwartet den Leser eine Art Monolog der besonderen Art. Helmut Krausser erschafft eine Welt, die den Leser gerade am Anfang abstoßen wird, ehe sie ihn gefangen nimmt. Er nutzt Worte, die jeder Deutschlehrer durchgestrichen, ja sogar als ausgedachtes Wort angekreidet hätte, und die nicht jeder Mensch freiwillig in den Mund nehmen würde. Auf diese Weise schockiert und provoziert er. Ihm gelingt es jedoch den Urinstinkt vieler Menschen zu wecken, und sie dadurch zu faszinieren. Im Grunde ist es nichts als die Wahrheit, nur ohne rosa Schleife.

Gewöhnt man sich an diese ungewöhnliche Erzählweise, dann wird nicht nur der rote Faden sichtbar, sondern das Buch wird immer faszinierender. Immer wieder schüttelt man den Kopf und fragt sich, was Hagen noch alles erleben wird, denn vieles ist einfach nur krank. Aber es sind genau diese Punkte, die mich als Leser häufig zum Nachdenken bewegt haben. Noch jetzt denke ich über das Buch und seinen schrägen Inhalt nach.

Das Buch ist mit Sicherheit nichts für schwache Mägen oder empfindsame Menschen. Ja, manche Details sind einfach so abartig, dass sich sogar mir der Magen umdreht oder sogar leichte Tränen in den Augenwinkeln zu finden waren. Letzteres bedingt durch den Babymörder und der Tatsache, dass ich gerade frisch entbunden hatte, als ich mir das Buch zu Gemüte führte.

Fette Welt ist in meinen Augen kein leicht zu lesendes Buch, aber mehr als empfehlenswert. Egal wie schwer der Text auch erscheinen mag durch seinen poetischen Monolog. Wer Schreibkunst und Wahrheit gerne liest, der sollte sich das zeitlose Werk zu Gemüte führen.

NOCH EIN PAAR FAKTEN RUND UM DAS BUCH 
'''Buchfakten'''
Autor: Helmut Krausser
Titel: Fette Welt
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: rororo; Auflage: 7 (1. Dezember 1993)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 349913344X
ISBN-13: 978-3499133442
Preis: € 1
Genre:Drama
Gelesen in: 2

'''o0o Zum Schluss zusammengefasst o0o'''
Pro: Idee, Stil, Kopfkino
Contra: Einstieg
Empfehlung: Ja
Sterne:5

Wäre das ein Buch für euch, oder fändet ihr es zu schwer zum Lesen?
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