John Grisham - Der Verrat

==Strahlendes Amerika und seine Kehrseite==

===Buchdaten===
Autor: John Grisham
Titel: Der Verrat
Originaltitel: The Street Lawyer
Verlag: Heyne
Erschienen: 2000
ISBN-13: 978-3453169241
Seiten: 432
Einband: TB
Kosten: 8,95€
Serie: -
===Zitierter Klappentext===
Michael Brock ist der aufsteigende Stern bei Drake & Sweeney, einer großen, einflußreichen Anwaltskanzlei in Washington, D.C. Das Geld stimmt, und die Aussichten auf eine Teilhaberschaft sind für den jungen Anwalt mehr als gut. Ein Leben auf der Überholspur, keine Zeit zum Stehenbleiben, keinen Augenblick zum Nachdenken, keine Zeit fürs Gewissen.
Doch eine gewalttätige Begegnung mit einem Obdachlosen gibt seinem Leben eine unerwartete Richtung. Michael überlebt, der Geiselnehmer nicht. Wer war dieser Mann, was trieb ihn zu dieser Wahnsinnstat? Michael stellt Nachforschungen an, gräbt in der Geschichte des Mannes und findet ein schmutziges Geheimnis, in das die ehrbare Kanzlei Drake & Sweeney verwickelt ist.

===Meine Meinung===
John Grisham ist ein weltweit bekannter Autor, der sich auf Justiz-Thriller spezialisiert hat. „Die Akte“ oder „Die Jury“ sind nur zwei seiner zahlreichen Werke, die auch auf der Leinwand für Begeisterung sorgten. Mich persönlich konnte Grisham bisher nicht mit jedem Buch überzeuge und so war ich gespannt, wie es bei diesem Werk aussehen würde.

Michael Brook verheiratet und kurz vor der Scheidung, arbeitet für eine einflussreiche Anwaltskanzlei in Washington. Seine Aussicht auf eine Teilhaberschaft ist nur noch eine Frage der Zeit, als ein Obdachloser ihn und die Teilhaber der Kanzlei als Geiseln nimmt. Zwar geht für Michael alles glimpflich aus und der Geiselnehmer wird erschossen, aber er findet keine Ruhe und möchte herausfinden, warum ein Obdachloser genau ihre Kanzlei ausgewählt hat. Michael stellt Nachforschungen an und kündigt kurzer Hand seine Tätigkeit in der Kanzlei, um als Anwalt für Obdachlose tätig zu werden. Nach und nach kommt er dabei dem Grund für die Geiselnahme auf die Spur und entdeckt dabei das schmutzige Geheimnis seines alten Arbeitgebers.

Der Einstieg in die Geschichte von Michael beginnt mit der Sekunde, als der Obdachlose in die Kanzlei eindringt und anfängt Geiseln zu nehmen. Als Leser ist man sofort gepackt und möchte die Hintergründe dafür erfahren, kann aber die Tatsache nicht überlesen, dass dieser Mann einfach in ein Gebäude kann, das zahlreiche Sicherheitsmänner postiert hat. Diese bewegende Einleitung ist nach wenigen Seiten mit dem beherzten Eingreifen der Polizei erledigt.
Während mir in diesen wenigen Minuten der Protagonist noch völlig fremd war, wird er in den nächsten Seiten lebendig eingeführt. Man nimmt an seinem Werdegang, der gescheiterten Ehe, seinen Gefühlen nach der Geiselnahme und seinen Zukunftsplänen dran teil. Dies wirkt auf den ersten Blick authentisch und lässt Michael in einem bodenständigen Licht erscheinen, eben ein typischer US-Anwalt. Leider belässt es John Grisham nicht bei dieser Logik, sondern verzettelt sich in den unmöglichsten Wendungen. Die Nachforschungen konnte ich noch nachvollziehen, aber den Aspekt, dass ein anderer Anwalt ihn plötzlich um die Mithilfe bei der Essensausgabe für Obdachlose bittet, obwohl sie nur wenige Sätze bezüglich des Geiselnehmers geredet haben, empfand ich an den Haaren herbei gezogen. Mitgefühl für diesen armen Menschen und andere Obdachlose kann ich zwar in dieser Situation verstehen, aber nicht, dass ein im Grunde fremder Anwalt einen darum bittet.
Anschließend richtet John Grisham sein Augenmerk auf die Thematik Obdachlosigkeit in den USA. Diese ist nicht mit der Obdachlosigkeit in Deutschland zu vergleichen, sodass es interessant, aber zu langatmig wirkt. Zwar verliert der Autor nicht die Eingangssituation aus den Augen, zieht jedoch die Thematik durch andere Fälle unnötig in die Länge. Es sind einfach zu viele andere Beispiele, die zwar real wirken, aber etwas Weniger hätte ich besser gefunden.
Schon nach rund 100 Seiten ist klar, worauf das Buch hinauslaufen wird und was hinter der Geiselnahme gesteckt hat. Die Spannung, die sich hätte bis zum Schluss aufbauen können, wurde somit binnen weniger Sekunden auf den Nullpunkt gesetzt. Statt nach und nach die Hintergründe langsam aufzudecken, bekommt der Leser alle relevanten Informationen sofort geliefert. Im Anschluss versucht der Autor noch durch den Kampf kleiner Anwalt gegen großen Konzern Spannung aufzubauen, aber in meinen Augen gelingt ihm das nicht. Weder durch die Tatsache, dass der Konzern die Polizei einschaltet, noch während des anstrengenden Prozesses. Im Grunde war mir nach 100 Seiten klar, wie die Geschichte ausgehen würde. Da keine überraschende Wendung mehr eingebaut wurde, empfand ich es schon recht schwach. Nebenhandlungen, die er zahlreich einbaut, sorgen nur für eine länger gezogene Haupthandlung.

Die Idee, eine Geschichte, um die schlimmen Zustände in den USA aufzuzeigen, wenn es um Obdachlosigkeit geht, finde ich klasse. In einer Art Schicksalsbericht würde dies jedoch viel authentischer wirken. Nichtsdestotrotz ist auch der Ansatz die Thematik in einen Thriller einzubauen gar nicht verkehrt. In diesem Genre darf jedoch die Spannung nicht zu kurz kommen, und das ist hier der Fall.
Ich habe es in einem Zug durchgelesen, da ich einfach wissen wollte, ob doch noch etwas interessanteres kommt. Dies war nicht der Fall und daher kann ich diesen Grisham nur bedingt empfehlen.

===Bewertung===
Eine wichtige Thematik, die John Grisham in diesem Thriller in den Vordergrund stellt, dabei aber die Spannung aus den Augen verliert. Aufklärung nach 100 Seiten ist bei einem 400 seitigem Buch schwach. Für mich eher ein schwacher Grisham, der mit zwei Sternen gut bedient ist.

===Leseprobe===
Amazon bietet unter nachfolgendem Link zwei genehmigte Leseproben an. Wer also Interesse hat, kann dort hineinlesen.